Im letzten Jahr ist mir an mir aufgefallen, dass ich gegenüber Männern meiner Generation ein seltsames Misstrauen und Argwohn entgegenbringe. Beides kann ich mir nicht recht erklären. Älteren Männern gegenüber empfinde ich Respekt und Achtung. Jüngeren Männern bringe ich Goodwill und Ermutigung entgegen. Dies fehlt mir bei Gleichaltrigen aber fast gänzlich und ich habe eine Vorsicht – ja gar einen Vorbehalt ihnen gegenüber festgestellt.
In einem Coaching bin ich diesem seltsamen Misstrauen auf den Grund gegangen. Ich verbinde es bei vertiefterem Nachdenken und Nachspüren mit einem sich-messen, mit Wettbewerb, Kampf und Hierarchie. Wahrscheinlich sind diese Vorurteile biografische Relikte. Ich sehe keinen Grund dafür in meiner gegenwärtigen Zeit.
Zwei Skripte
An der kürzlich erlebten Culture Shift-Konferenz sprach Prof. Nancy Pearcey auch zur Thematik „Der toxische Kampf gegen Maskulinität“. Sie ging dabei auf zwei Skripte von Männlichkeit ein. Das eine Skript beschreibt demnach den „Good Man“, den schützenden, versorgenden, treuen, loyalen und verlässlichen Mann. Sie nannte es das biblische Skript.
Das andere Skript stelle den „Real Man“ dar, erläuterte sie, als den starken, nie aufgebenden, alles gebenden, dominanten, keine Schwäche zeigenden Mann. Dieses nannte sie das säkulare Skript. Im Reflektieren über diese beiden „Drehbücher“ von Mann-sein, kann ich eine Parallele zu meiner unbewussten Vorsicht gegenüber Gleichaltrigen ziehen.
Dieses zweite Skript scheint ihnen gegenüber bei mir anzuklingen und mich zu „alarmieren“. Es hat gar nichts mit den eigentlichen Menschen zu tun. Vielmehr ist es meine Projektion auf sie, die meine Gegenüber in diesem bestimmten Licht von Wettbewerb erscheinen lässt.
Echte Begegnungen
Ich lerne, mir dieses projizieren bewusster zu werden, es loszulassen und stattdessen dem realen Menschen zu begegnen. Ich will, sowohl die anderen, wie mich selbst, möglichst Skript-frei sehen. So wie ich das Bedürfnis habe, ganz mich selbst zu sein, will ich auch den Gleichaltrigen zugestehen, die Menschen zu sein, die sie sind. Ich übe mich darin, ihnen offen und aufgeschlossen zu begegnen, bereit, sie kennenzulernen.