Es entspricht einem tiefen Bedürfnis von mir, „ganz ich“ zu sein. Deshalb hat mich das Buch von Peter Höhn „Ganz ich sein“ vor Jahren sehr angesprochen und ich habe es lange Zeit studiert. Der Autor beschreibt eine dreifache Berufung des Menschen: ganz Kind Gottes sein, ganz Mensch sein und ganz ich sein.
Ganz Sohn zu sein, hat mich Gott vor über 15 Jahren gelehrt und er erinnert mich immer wieder mal daran. Es ist für mich sehr entspannend, vertrauensvoll einfach Sohn sein zu dürfen und dabei zu wissen, dass der Vater hinter mir steht, mir Raum zum erkunden und entdecken schafft, sich über mich freut, mich liebt und mir einiges zutraut.
Was heisst denn ganz Mensch sein?, habe ich mich beim zweiten Teil des Buches gefragt. Mensch bin ich ja einfach.
Die tiefere Bedeutung, ein Geschöpf Gottes zu sein, ist mir nach und nach aufgegangen. Ich habe verstanden, dass es einerseits Ehre bedeutet, nach dem Bild Gottes gemacht worden zu sein. Andererseits bedeutet es Begrenzung, die ich dankbar annehmen kann, wenn ich sie als entlastend verstehe. Ich muss gar nicht alles wissen, alles überblicken und kontrollieren können. Das wird gar nicht von mir erwartet. Ich darf einfach Mensch sein, meinem Schöpfer danken und mich freuen über all das Schöne und Gute, das er geschaffen hat.
Ganz ich sein schliesslich, bedeutet für mich, meine individuellen Gaben, Interessen, Stärken und Schwächen anzunehmen und mich weiterzuentwickeln. Es ist gut, dass ich bin, wer ich bin. Ich darf mich freuen über mein Aussehen, meine Persönlichkeit und meine Ecken und Kanten annehmen. Mit Gott zusammen darf ich mich auf den Weg machen, den er für mich bereitet hat. Selbst die „Werke“, die Abenteuer und Herausforderungen, hat er für jeden einzelnen Tag vorbereitet, dass ich darin wachse und reife, in seiner Kraft stärker werde und im Vertrauen in ihn zunehme.
Ganz sein
Im letzten Jahr habe ich begonnen, die Bibel von ganz vorne langsam zu lesen und zu studieren. Dabei sind mir zwei Stellen aufgefallen, wo Gott von Menschen sagt, dass sie GANZ sind oder sein sollen. Die erste Person ist Noah, von dem es heisst, „Er war ein bewährter, ganzer Mann“. (Übersetzung nach Martin Buber, 1. Mose 6,9) Das hat mich sehr angesprochen. Zu Abraham spricht Gott, in derselben Übersetzung, „sei ganz!“ (1. Mose 17,1)
Für mich bedeutet „ganz sein“, ungeteilt zu sein; keinen Lebensbereich vor Gott auszuklammern, mich ihm ganz hinzuhalten. Vor Gott kann ich ohnehin keine Geheimnisse haben und nichts vor ihm verbergen. Es bedeutet aber auch, meinem Raum einzunehmen und ganz auszufüllen, den er mir gibt. Ich soll mich nicht in falscher Bescheidenheit zurückhalten. Ich darf ganz da sein, mit meinem vollen Gewicht und meiner ganzen Präsenz. Ich darf mich niederlassen und einlassen auf Menschen, Beziehungen, Aufgaben, Verantwortung. Solange, bis Gott mich heisst, aufzubrechen und weiterzuziehen.
In die Teile gehen
In einer für mich sehr wertvollen Predigt von Philipp Erne lernte ich die Bedeutung von Sorgen als „in die Teile gehen“ und des Wortes Zweifel als Zwei Fälle, einem hin- und hergerissen sein zwischen Vertrauen und Misstrauen. Ich musste mir eingestehen, dass ich mir zeitweise tatsächlich Sorgen mache und „in die Teile“ gehe. Das bedeutet auch, dass ich dann nicht mehr ganz bin, sondern mich gedanklich oder emotional in Teile aufsplittre.
Seit dieser Erkenntnis und Einsicht übe ich mich darin, diese Teile zu identifizieren und zu benennen. Wenn ich diesen Teilen einen Namen geben kann, ist es mir möglich, sie im Gespräch mit Gott vor ihn zu bringen, darüber zu sprechen, ihn zu bitten, zu klagen und schliesslich ihm anzuvertrauen. Bildlich gesprochen, sammle ich sie und füge sie wieder zusammen. So werde ich wieder ganz. Dabei brauche ich keine Antworten oder Lösungen für meine Sorgen zu haben. Mein himmlischer Vater weiss, was ich brauche, wann ich es brauche und er hat versprochen, mich zu versorgen.
„Sorgt euch um nichts, sondern in allen Anliegen lasst eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus!“ Philippe 4,6